500 Jahre Reformation

Ein ganz spezieller Gottesdienst für die ganze Familie fand vergangenen Sonntag, 8. Januar 2017, bei der Freien Missionsgemeinde Oberwil statt. Ein «Buchdrucker aus dem Mittelalter» zeigte den Gottesdienstbesuchern mit einer echten Druckerpresse, wie er die erste Bibel der Schweiz druckte. Mit eindrücklichen Zaubertricks zog er Gross und Klein in seinen Bann, übertrug Bibeltexte in die heutige Zeit und gab den einen oder anderen christlichen Rat mit auf den Heimweg, den die Besucher sicher nicht so schnell vergessen werden.

Quelle: Simmental Zeitung

2017 steht ganz im Zeichen des Reformationsjubiläums, auch im Obersimmental. Vor 500 Jahren, am 31. Oktober 1517, schlug Martin Luther seine 95 Thesen an die Türen der Wittenberger Kirche an und auch heute noch sind seine Auswirkungen in vielen Bereichen zu spüren. Der Allianzkreis Obersimmental, dem einzelne reformierte Kirchen und Freikirchen aus dem Obersimmental angehören, hat dieses Jubiläum als Anlass für verschiedene gemeinsame Veranstaltungen genommen.

Als Auftakt zum Jubiläum wurde in der FMG Oberwil ein spezieller Erlebnis-Gottesdienst abgehalten. Ein Gast aus dem Mittelalter – «Christoph Froschauer» – stattete den Predigtbesuchern in Oberwil einen Besuch ab und erzählte von seinem Wirken. Die Reformation ist die Erneuerung; sie will die Menschen Gott näher bringen.

 

Zeitreise in die Vergangenheit

Vor 500 Jahren gab es zu Hause noch keine Bibeln, dafür waren die Kirchen voll und jedermann war dort am Sonntag anzutreffen, um Gottes Wort zu hören. Damals hatten die Leute eher noch Angst vor dem lieben Gott. Nur die Geistlichen und Gelehrten hatten Zugriff auf die Bibeltexte, die immer wieder von Hand abgeschrieben wurden. Um das neue Testament abzuschreiben, war zum Beispiel die Haut von 600 Ziegen nötig und das fertige Exemplar kostete ca. 10 Jahreslöhne.

 

Dank Buchdruck wurde die Bibel dem Volk näher gebracht

Mit der Erfindung der beweglichen Metalllettern von Johannes Gensfleisch, der sich später Gutenberg nannte, konnte die Produktionszeit massiv verkürzt und die Kosten stark gesenkt werden. Die Bibel mit den beiden Testamenten blieb trotzdem sehr kostbar: Ein Handwerker musste dafür etwa drei Monate arbeiten.

«Christoph Froschauer» (gespielt von Marc Lendenmann) war der erste Buchdrucker in Züich und druckte insbesondere die unter der Leitung von Zwingli üersetzte «Zücher Bibel». Er erkläte anhand von Bibelzitaten, wie wichtig die korrekte Interpretation der Texte ist: «Du sollst nichts weglassen und Du sollst nichts dazu tun», steht schon bei 5. Mose, Kapitel 13, geschrieben.

In der Bibel gibt es aber nicht nur Text. «Froschauer» schmückte seine Bibel mit Bildern, so dass auch die normalen (damals oft schreibunkundigen) Gläubigen im Mittelalter sich ein Bild machen konnten. Früher wurde oft auf Lateinisch gepredigt, was die Büger nicht verstanden. Aber es gibt einige Worte, die wir auch verstehen, z.B. das altgriechische Wort «Eikon » oder Ikona, ebenso das Wort Idolo (Idol). Beides sind (Vor-)Bilder. Jedoch ist ein «Ikona» ein Heiligenbild, während ein «Idolo» eher als Trugbild gedeutet wird. Gekonnt und anschaulich erklärte Lendenmann in seiner Predigt den Besuchern verschiedene Bibeltexte und übertrug sie auf heutige Beispiele.

 

Der liebe Gott

Im Gegensatz zu den Gottesvertretern vor der Reformation, die oft mit Verboten arbeiteten, erklärte der Mann aus dem Mittelalter, dass Gott die zehn Gebote als Leitfaden für einen guten Christen aufschrieb. Sie beginnen nicht mit: «Es ist verboten», sondern ganz einfach mit: «Du sollst nicht…»; die zehn Gebote sind quasi eine Bedienungsanleitung fürs Leben. Keiner sei im Leben fehlerfrei und Gott ist eben nicht böse, sondern er verzeiht den Menschen: «Beim Drucken gibt es oft Tolggen, die nicht ausgewaschen werden können. Während dem Leben sammeln sich so immer mehr Flecken an. Die Tolggen bleiben ein Leben lang bestehen und jeder Mensch muss damit leben. Gott hat jedoch ein «Waschmittel» für die Flecken der Menschen erschaffen: Mit dem Tod von Jesus wird uns Menschen vergeben.

 

Der allmächtige Gott

Gegen Ende des eindrücklichen Gottesdienstes zeigte «Froschauer» die Herrlichkeit Gottes. Mit einem Samenkorn, das auf verschiedene Bösen fällt, zeigte er mit anschaulichen Beispielen – nicht nur mit Worten – was daraus wachsen kann. Es soll jetzt nicht zu viel verraten werden, nur soviel: Marc Lendenmann ist Schauspieler und Theaterpäagoge und nennt sich selber Theatraliker, Entert(r)ainer und Kommunikationsartist. Mit kleinen Zaubertricks verblüfft er immer wieder sein Publikum, was auch in Oberwil bestens gelang. Wer jetzt die Predigt von «Christoph Froschauer» selber erleben möchte, der kann gerne am kommenden Sonntag den Allianzgottesdienst in der reformierten Kirche Zweisimmen besuchen – es lohnt sich auf jeden Fall.

 

Fabian Kopp, Simmental Zeitung, 12.01.2017

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