Auf den Spuren von Maria und Josef

Warum feiern wir überhaupt Weihnachten? Und warum trägt Bischof Nikolaus ein rotes Gewand? Eine Ausstellung im Sinnorama in Winterthur gibt Antworten – auf originelle Art.

Quelle: Reformiert

«Nun zieht eure Schuhe aus», sagt Mirella Werner. Die Viertklässler aus Niederhasli lassen sich nicht zweimal bitten und schlüpfen voller Elan in die farbigen Socken, die für sie bereitliegen. Was es mit dem Tauschgeschäft auf sich hat, werden sie bald erfahren. Denn sobald sich die Türe zum Sinnorama öffnet, betreten die Schülerinnen und Schüler eine besondere Welt, in der auch die Beschaffenheit des Bodens eine Rolle spielt.

 

Der Bischof bei Coca-Cola

«Der andere Adventskalender» heisst die interaktive Ausstellung des Bibellesebunds im Winterthurer Industriequartier Grüze. Die reformierte Religionsklasse ist an diesem Samstagmorgen zusammen mit Katechetin Susanna Notter angereist. In den folgenden anderthalb Stunden wird sie 24 Stationen durchlaufen – und dabei alles über das Weihnachtsfest und seine Bräuche erfahren. Mirella Werner führt die sechsköpfige Gruppe durch die Räume. Auf dem Rundgang passiert allerlei. Da erscheint zum Beispiel der weissbärtige Nikolaus auf einem Bildschirm: «Ich lebte vor 1700 Jahren in Myra, einer Stadt in der heutigen Türkei.» Er erzählt von seinem Einsatz für die armen Kinder in der Stadt und warum er heute häufig nicht mehr sein Bischofsgewand, sondern einen roten Mantel trägt. Den verdanke er einem Werbeauftritt bei Coca-Cola im Jahr 1931.

Bei Station 16 warten die Sterndeuter aus dem Morgenland. «Was schenken wir dem neuen König?» Ob dieser Frage zerbrechen sich die drei Männer im Film gerade die Köpfe. Eine gute Gelegenheit für eine kleine Wissensvermittlung: «Weihrauch wird aus Harzkörnern gewonnen, die ihren Duft erst entfalten, wenn man sie anzündet», erklärt Mirella Werner und reicht eine Schmucktruhe mit der kostbaren Ingredienz herum. «Das sieht aus wie Kandiszucker», sagt ein Mädchen, während es die Körner durch die Finger gleiten lässt.

Ein Höhepunkt ist die biblische Weihnachtsgeschichte, die eindrücklich dargestellt wird: Die Kinder gehen über den steinigen Weg nach Bethlehem, stehen mit Maria und Josef vor verschlossener Herbergstüre und stossen schliesslich auf eine herrliche Krippenlandschaft.

 

Raum für das Geheimnis

«Das Interesse an der Ausstellung ist gross», sagt Projektleiterin Magda Wassmer. Sie hat das Sinnorama vor acht Jahren ins Leben gerufen. In diesem Jahr meldeten sich so viele Religionsklassen an wie noch nie – auch katholische. «Bräuche und Rituale sind wichtig in unserem Leben. Sie können gegenseitige Wertschätzung und Liebe vermitteln», erklärt Wassmer. «Das Wiederkehrende gibt Sicherheit, Vorfreude, ein Wir-Erlebnis und Raum für Geheimnisvolles.» Dies zeige sich etwa auch in vielen Aussagen von Erwachsenen, nachdem sie die Adventsausstellung besucht haben. «Viele fühlen sich in ihre Kindheit zurückversetzt.» Wenn es auf der Führung darum gehe, dass man das Wertvollste und Wichtigste im Leben nicht wie ein Geschenk kaufen könne, kämen insbesondere von Kindern bemerkenswerte Äusserungen. «Sie freuen und berühren mich jedes Mal.»

 

Orangen mit Nelken 

Katechetin Susanna Notter beobachtet, dass solche Angebote wichtiger werden, damit religiöse Bräuche nicht verloren gehen: «Viele Kinder wissen nicht mehr, warum wir überhaupt Weihnachten feiern.» Sie besucht mit jeder Klasse das Sinnorama. Die Kinder seien stets begeistert, weil alle Sinne einbezogen werden: Sehen, riechen, hören, schmecken und fühlen. «Im Unterricht kann man das natürlich nicht im gleichen Ausmass bieten.» Unterdessen sind die Viertklässler zurück von ihrer Zeitreise. In einem Workshop dürfen sie sich in der kommenden Stunde kreativ betätigen, zum Beispiel Weihnachtskarten basteln oder Orangen mit Nelken verzieren. Und wie hat ihnen die Ausstellung gefallen? Leandro: «Geschichten, die man eigentlich schon kennt, werden hier ganz anders ausgedrückt, das finde ich spannend.» Naomi ergänzt: «Mir hat gefallen, dass man so viel mit den Händen machen und Guezli probieren konnte.» Alle Kinder sind sich einig: Es hat sich gelohnt, für den Besuch im Sinnorama ein bisschen früher aufzustehen.

 

Sandra Hohendahl-Tesch, Reformiert, Dezember 2016

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